
Steigt der Wasserstand an den Meeresküsten mehr als einen Meter über den
mittleren Tidehochwasserstand, dann spricht man von einer Sturmflut. Drei Faktoren sind
maßgeblich verantwortlich: Dauer und Richtung des Sturmes, die Windstärke, die die
Wellenhöhe erzeugt, und die Wassermassen, die in eine bestimmte Richtung drängen. Man
unterscheidet leichte Windfluten (bei einem Wasserstand von ein bis zwei Metern über
MThw), schwere Sturmfluten (zwei bis drei Meter über MThw) und sehr schwere Orkanfluten
(mehr als drei Meter über MThw).
Überlieferte Katastrophen durch Sturmfluten ereigneten sich erst nach Beginn des
Deichbaus im 11./12. Jahrhundert, als Menschen in der flachen Marsch zu siedeln
begannen. Besonders verlustreich mit vielen Tausend Toten sollen im Mittelalter die
Sturmfluten von 1216 und 1287 (Luciaflut) gewesen sein, wofür allerdings seriöse Belege
fehlen. Die bis heute folgenschwerste Flut war die "Marcellusflut" im Januar 1362, die
sogenannte Große Mandränke. Chroniken sprechen von 100 000 Toten, doch dürfte auch
diese Zahl stark übertrieben sein. In Nordfriesland drang die Flut bis an den Geestrand vor,
südöstlich von Pellworm versank der sagenumwobene Ort Rungholt in den Fluten. Im
Bereich Alt-Nordstrands sollen 44 Kirchspiele untergegangen sein, die Insel erhielt eine
Hufeisenform. Die nächste schwere Sturmflut war die von 1532 (Allerheiligenflut) mit
einigen Tausend Toten in Eiderstedt und auf Alt-Nordstrand. In der Kirche von Klixbüll
wurde damals eine Höhenmarke angebracht, derzufolge das Wasser einen Höchststand von
4,16 Meter über Normal Null (NN), also fast drei Meter über dem normalen
Hochwasserstand, erreicht hatte.
Eine weitere, besonders folgenreiche Katastrophe ereilte die nordfriesische Küste im Oktober
1634 (Zweite Mandränke oder Burchardiflut). Sie zerstörte große Teile der Insel Alt-
Nordstrand. Der Wasserstand erreichte eine Höhe von rund 4,50 Meter über NN, allein in
Nordfriesland gab es 6 123 Tote. 1717 forderte die Weihnachtsflut an der niederländischen,
deutschen und dänischen Nordseeküste rund 12 000 Tote. Eiderstedt wurde fast vollständig
überschwemmt, 54 Menschen verloren hier ihr Leben. Die Februarflut von 1825 forderte zum
letzten Mal in Nordfriesland Menschenopfer vor allem auf den Halligen, wo 74 Personen
ertranken und 234 ihre völlig zerstörten Häuser und Warften verlassen mussten. Es trat der
bis dahin höchste Wasserstand ein, in Husum z. B. 5 Meter und mehr über NN. Die
Verluste an Mensch und Vieh waren dennoch nicht so groß wie früher, da die Deiche
mittlerweile stärker und höher geworden waren. Im gesamten Küstengebiet von den
Niederlanden bis Nordfriesland ertranken damals rund 800 Personen.
1962 (Zweite Julianenflut) brach eine weitere sehr schwere Sturmflut über die Nordseeküste
herein und beschädigte rund 400 Kilometer Deichstrecke. Am stärksten war diesmal mit 315
Toten das Hamburger Stadtgebiet betroffen. Wieder wurden neue Hochwasserrekorde
verzeichnet, in Tönning z. B. 5,21 Meter über NN. Dem "Generalplan Küstenschutz..." ist
es zu verdanken, dass die nächsten schweren Sturmfluten, darunter 1981 die "Nordfriesland-
Flut" oder 1999 der Orkan "Anatol", zwar jedes Mal neue Rekordmarken setzten, die
Katastrophen aber keine Menschenleben mehr forderten.
Hans Egidius: Sturmfluten. Tod und Verderben an der Nordseeküste von Flandern bis Jütland, Varel 2003.
Johann Kramer: Kein Deich - Kein Land - Kein Leben. Geschichte des Küstenschutzes an der Nordsee, Leer 1989.
Albert Panten: Die schwersten Sturmfluten an der deutschen Nordseeküste. In: Jürgen Newig und Hans Theede (Hrsg.): Sturmflut. Gefährdetes Land an der Nordseeküste, Hamburg 2000, S. 56-75.
Marcus Petersen und Hans Rohde: Sturmflut. Die großen Fluten an den Küsten Schleswig-Holsteins und in der Elbe, 3. Aufl., Neumünster 1991.
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