Walfang

Walfang (sylterfries.: Walfeskfang) war wohl das größte Jagdunternehmen der Menschheit und wurde schon um 2200 v. Chr. von Norwegern praktiziert. Als man 1596 entdeckte, dass sich zwischen Grönland und Spitzbergen ungeheure Massen von Walen aufhielten, rüsteten die Niederlande, England, Frankreich und Dänemark Fangflotten aus. Hamburg und Bremen stiegen auf deutscher Seite in den Wettbewerb ein.
WalfangZwischen etwa 1650 und 1800 beteiligten sich auch die Männer der nordfriesischen Inseln und Halligen stark am Walfang. Die Möglichkeit, auf niederländischen und Hamburger Walfangschiffen anzuheuern, kam für viele Familien zur rechten Zeit, denn die spärlichen Möglichkeiten in der Landwirtschaft reichten bei der wachsenden Bevölkerung als Lebensgrundlage nicht mehr aus. Der Heringsfang war stark zurückgegangen. Bis ins späte 18. Jahrhundert prägte die Seefahrt das Inselleben. Während der mehrmonatigen Abwesenheit der meisten Männer mussten die Frauen alleine zurechtkommen. Der Walfang führte bald zu beträchtlichem Wohlstand, denn viele Matrosen stiegen zum Bootsmann, Steuermann, Harpunier, Speckschneider, Schiffszimmermann oder Kommandeur eines Schiffes auf. Sehr erfolgreiche Kommandeure waren der Föhrer Matthias Petersen (1632-1706) mit einem Jagderfolg von 373 Walen und der Sylter Lorens Petersen de Hahn (1668-1747), der insgesamt 169 Wale erbeutete.
Der Walfang war ein gigantisches, aber sehr gefährliches Unternehmen und forderte nicht nur im Fangbetrieb, sondern auch durch Unglücke bei der An- und Abfahrt viele Opfer. Die Fangsaison begann im Februar/März mit der Anreise auf Schmackschiffen in die großen Häfen von Altona, Hamburg, Bremen, Amsterdam oder Kopenhagen. Von hier brachen die Walfänger ins Eismeer auf. Rund 250 000 Menschen befanden sich auf etwa 5 000 Schiffen während der Sommermonate in den Gewässern vor Spitzbergen.
Wale sind die größten Lebewesen unseres Planeten. Mit rund 150 Tonnen hat ein Wal das Gewicht einer ausgewachsenen Elefantenherde. Von den Seeleuten "Walfisch" genannt, wurde das Säugetier vor allem wegen seiner öligen Speckschicht verfolgt. Das Fangschiff war mit seinen 30 bis 40 Metern Länge kaum größer als die Beute, und die Schaluppen, von denen aus der Wal harpuniert wurde, nur wenige Meter groß. Der Wal musste direkt von vorn oder von hinten in seinem toten Blickwinkel angegriffen werden, damit man sich ihm auf fünf bis zehn Meter nähern konnte. Nur dann bestanden gute Aussichten, dass der Wurf mit der Harpune, der Geschicklichkeit, Mut und Übung erforderte, gelingen konnte. Saß die Harpune in der Speckschicht, begann die Verfolgung des aufgeschreckten Tieres. Dabei konnte es geschehen, dass ein Wal mit aller Kraft senkrecht abtauchte, auf dem Meeresgrund aufschlug und mit gebrochenem Kiefer wieder nach oben trieb. Die größte Gefahr für die Jäger bestand darin, dass ein Wal auf der Flucht die sechsköpfige Schaluppenbesatzung unter das Eis ziehen konnte, wenn die Fangleine nicht rechtzeitig gekappt wurde. Hatte man das Tier schließlich zur Erschöpfung gebracht, wurde ihm mit dem Lanzenmesser der Todesstoß in Herz oder Lunge versetzt.
Das tote Tier wurde am Fangschiff vertäut und zerkleinert. Die Speckstreifen hievte man an Bord und verpackte sie in Fässer. Der Speck, aus dem in den Heimathäfen pro Wal etwa 17 000 Liter Tran gebrannt wurden, war ein sehr begehrtes und gut bezahltes Brennmittel, z. B. für die Straßenlaternen der europäischen Großstädte. Die Barten, auch "Fischbein" genannt - die aus Horn bestehenden Elemente eines Filterapparates im Maul der Bartenwale - , brauchte man zur Herstellung von Korsettstangen, als Stäbe für Sonnen- und Regenschirme, Knöpfe, Lineale, Peitschenstile, Kämme, Spangen, Angelruten oder als Sprungfedern für Kutschen. Die Leber lieferte reichlich Vitamin A und D (Lebertran). Auch die außergewöhnlich harten und witterungsbeständigen Walknochen fanden auf den holz- und steinarmen nordfriesischen Inseln Verwendung, etwa als Balken, Pfosten, Grenzmarken und auf der dänischen Insel Röm auch als Bänke und Kirchenstühle. Eine Besonderheit aus jener Epoche sind die Scrimshaws, feine, schwarz eingefärbte Ritzzeichnungen auf Pottwalzähnen, die von Seefahrt und Walfang berichten.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verringerten sich infolge des übermäßigen Bejagens die Erträge. Die Zahl der Schiffe auf Arktisfahrt nahm ab, und viele Seeleute wechselten in die Handelsschifffahrt. Als Ersatz für den Wal konzentrierte man sich zunehmend auf den Robbenschlag. Nach den napoleonischen Kriegen erfuhr ab den 1820er Jahren auch die Jagd auf den Wal eine bescheidene Renaissance. Der Walfang mit Segelschiffen aus einem deutschen Hafen endete 1872 mit der Heimkehr des letzten Schiffes nach Bremerhaven.

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