Deichbau in Nordfriesland
Ohne Deiche gäbe es das heutige Nordfriesland nicht. Seit rund tausend Jahren schützen die Menschen an dieser Küste ihr Land mit Wällen aus Klei, und fast ebenso lange reißt die Nordsee sie immer wieder ein. Die Geschichte des Deichbaus ist deshalb auch eine Geschichte der Sturmfluten.
Vor den Deichen: die Warften
Lange bevor der erste Deich entstand, schützten sich die Bewohner der Marsch mit aufgeschütteten Wohnhügeln, den Warften. Das Land ringsum wurde bei hohen Fluten überspült, Haus und Vieh blieben trocken. Auf den Halligen lebt man bis heute so. Erst vor etwa tausend Jahren begannen an der Nordseeküste Schleswig-Holsteins großflächige Bedeichungen, um Acker- und Weideland zu schützen.
Ringdeiche und die geschlossene Linie
Die ersten Deiche waren niedrige Ringwälle um einzelne Fluren, kaum mehr als gut einen Meter hoch. Sie hielten vor allem die Sommerfluten ab, damit der salzige Marschboden aussüßen und Getreide tragen konnte. Ab dem 12. Jahrhundert wuchsen die Ringdeiche nach und nach zusammen, bis gegen Ende des 13. Jahrhunderts eine durchgehende Deichlinie von Ostfriesland bis Nordfriesland reichte.
Die geschlossene Linie hatte eine Kehrseite. Solange sich eine Sturmflut über die offene Marsch verteilen konnte, lief sie niedriger auf. Jetzt staute sich das Wasser vor den Deichen und stieg höher. Wo ein Deich brach, stand das tiefliegende Land dahinter unter Wasser und ließ sich kaum wieder trockenlegen. Mit der Bedeichung wurden zudem Siele nötig, Durchlässe im Deich, durch die das Binnenwasser bei Ebbe abfließen kann.
Die großen Sturmfluten
Zwei Sturmfluten haben die Küste Nordfrieslands so umgestaltet wie keine anderen, beide tragen den Beinamen Grote Mandränke, das große Ertrinken:
- Zweite Marcellusflut, 16. Januar 1362: Sie zerriss die Uthlande, das Marschland vor der heutigen Küste. Nach der Überlieferung ging dabei der Handelsort Rungholt unter.
- Burchardiflut, 11. auf 12. Oktober 1634: Sie zerstörte die Insel Alt-Nordstrand, von der nur Pellworm, Nordstrand und Nordstrandischmoor übrig blieben. Mindestens 11.000 Menschen kamen ums Leben.
Es folgten weitere schwere Fluten, darunter die Weihnachtsflut 1717 und die Halligflut 1825. Die Sturmflut vom Februar 1962 war die letzte, die an der Westküste großflächig Land überschwemmte; sie wurde zum Anlass für den ersten Generalplan Küstenschutz des Landes.
Stackdeiche und der Schiffsbohrwurm
Im Spätmittelalter wurde vielerorts der Klei knapp, weil Deiche nach Landverlusten zurückverlegt werden mussten. Man baute deshalb Stackdeiche: Statt einer flachen Böschung zur See hin stand dort eine senkrechte Wand aus Holzpfählen. Das sparte Erde, war aber teuer, denn Holz gab es in der Marsch kaum, und es musste alle paar Jahrzehnte erneuert werden. Außerdem brandeten die Wellen an der Wand hoch und weichten den Deich von oben auf.
Nach der Burchardiflut kehrte man an der deutschen und dänischen Küste zu Deichen mit flachem Profil zurück. Das endgültige Aus kam ab 1730 mit dem Schiffsbohrwurm, einer Muschel, die mit Schiffen aus Asien eingeschleppt worden war und die hölzernen Deichwände, Siele und Kaimauern regelrecht zerfraß. Siele und Hafenmauern wurden danach aus Stein gebaut.
Wer baut und bezahlt den Deich?
Bis ins 18. Jahrhundert war die Deichpflicht Sache derer, die hinter dem Deich Land besaßen. Das Spadelandrecht teilte jedem sein Deichstück zu, dazu das Vorland, aus dem die Erde kam. Wer die Last nicht mehr tragen konnte, steckte seinen Spaten in den Deich und gab damit sein Land auf. Wer den Spaten herauszog, übernahm Land und Pflicht. Daher stammt der Spruch "De nich will dieken, de mutt wieken": Wer nicht deichen will, muss weichen.
Nach der Burchardiflut holten die Landesherren Unternehmer ins Land, viele aus den Niederlanden, die gegen Vorrechte und Landbesitz die Wiederbedeichung übernahmen. Aus dieser Zeit stammen viele der großen Köge. Heute ist die Zuständigkeit gesetzlich geregelt: Die Landesschutzdeiche an der Küste baut und unterhält das Land, die Mitteldeiche der zweiten Linie die Wasser- und Bodenverbände oder die Gemeinden.
Deichbau heute: der Klimadeich
Insgesamt 433 Kilometer Landesschutzdeiche schützen in Schleswig-Holstein mehr als 90 Prozent der überflutungsgefährdeten Küstenniederungen. Dahinter liegen als zweite Linie die Mitteldeiche, frühere Seedeiche, die durch spätere Vordeichungen ins Binnenland gerückt sind. Sie sind das sichtbare Archiv des Deichbaus: Wer quer durch die Köge fährt, überquert einen alten Seedeich nach dem anderen.
Weil der Meeresspiegel steigt, plant das Land seit 2012 mit einer Baureserve und entwickelte daraus das Konzept Klimadeich: eine flachere Außenböschung und eine doppelt so breite Deichkrone, auf die später eine weitere Erhöhung gesetzt werden kann, ohne den ganzen Deich neu zu bauen. Zusätzlich gilt ein strengeres Kriterium für das Wasser, das bei Sturm über die Krone schwappen darf. Zusammen ergibt das ein Vorsorgemaß von etwa einem Meter für den weiteren Anstieg des Meeresspiegels.
Quellen
- Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung SH: Generalplan Küstenschutz des Landes Schleswig-Holstein, Fortschreibung 2022
- Land Schleswig-Holstein: Anlagen- und Deichverzeichnis (AWGV), Datenlizenz Deutschland Namensnennung 2.0
- Wikipedia: Deich, Abschnitt Geschichte des Deichbaus
- Wikipedia: Zweite Marcellusflut
- Wikipedia: Burchardiflut