Baupflege Kreis Tondern

Baupflege Kreis Tondern war ein 1908 gegründeter Verein, der das Bauen im preußischen Kreis Tondern an der heimischen Bauweise ausrichten wollte.

Ins Leben gerufen haben den Verein 1908 der preußische Landrat des Kreises Tondern, Friedrich Rogge, und der Kieler Architekt Carl Voß. Der erhaltene allgemeine Schriftwechsel setzt bereits 1907 ein, Vorbereitung und Gründungsjahr passen also zusammen. Eine dänische Darstellung nennt für Ende 1907 außerdem den Tonderner Architekten Lauritz Thaysen und den Gutsinspektor Hans Christian Davidsen aus Mögeltondern, der schon seit 1897 alte Häuser der Gegend fotografierte. Als Vorlauf gilt dort ein Wettbewerb, den Rogge 1905 für den Neubau des Kreishauses ausschrieb; der Bau entstand 1907 in friesisch-holländischer Bauweise.

Was der Verein wollte

Rogge beschrieb die Ziele 1912 im Kunst-Kalender Schleswig-Holstein. Der Verein sollte das Qualitätsbewusstsein von Handwerkern und Bauherren heben und örtliche Architekten bei der Wahl guter Materialien, guter Baudetails und harmonischer Baugruppen unterstützen. Es ging also nicht um eine amtliche Stilvorschrift, sondern um Erziehung und Beratung. Am Anfang stand eine Bestandsaufnahme mittels Foto, die der Schriftwechsel von 1907 bis 1909 ausdrücklich nennt.

Aus dieser Arbeit gingen handfeste Mittel hervor. Erhalten sind 41 Bauvorlagenblätter und 16 Tafeln aus der Baumappe, die um 1910 als Ausstellungsmaterial dienten. Den ersten Bauhandwerkertag meldete die Tondernsche Zeitung 1909, eine Bauausstellung folgte 1913 und 1914. Dazu kamen Sonderdrucke im Tondernschen Heimatkalender und im Lecker Anzeiger sowie eine Druckschrift mit dem Titel Wie sollen wir unsere Scheunen bauen.

Das feuersichere Reetdach

Der bekannteste Versuch betraf die Dachdeckung. Weichdächer aus Stroh und Reet galten als die gefährlichste Deckung überhaupt, entsprechend hoch lagen die Versicherungsprämien. Im Frühjahr 1909 errichteten die Landesbrandkasse in Kiel und der Verein deshalb ein Brandprobehaus in hölzernem Ständerwerk, zwanzig Meter lang und sechs Meter breit, dessen Dach in neun verschiedenen Deckungen ausgeführt war. Anderthalb Jahre später, am 4. November 1910, brannten Feuerwehrleute das Haus in Tondern von innen ab.

Das Ergebnis brachte den Erfolg: Gebäude mit feuersicher imprägniertem Stroh oder Reet wurden von der Landesbrandkasse wie hartgedeckte Gebäude eingestuft, sofern zuverlässige Handwerker deckten und die Ausführung kontrolliert wurde. Das Verfahren stammte von einem Landwirt namens Gernentz aus Thürkow in Mecklenburg und war denkbar einfach. Reet wurde zu dünnen Matten vernäht, in einen Brei aus Lehm, Wasser und wenig Gips oder Zement getaucht und feucht verlegt. Carl Voß beschrieb es in einer Mitteilung des Vereins, gemeinsam mit einem Vergleich aller damals üblichen Dacharten. Ganz unumstritten war die Sache nicht, 1912 kam es zu einem Rechtsstreit zwischen einem Fabrikbesitzer und der Baupflege wegen Beleidigung.

Was überliefert ist

Nachweisbar bleiben vor allem Bilder und Blätter. Das Kreisarchiv verwahrt Bilderserien des Fotografen Theodor Möller, und dänische Archive führen Aufnahmen von ihm aus der Zeit um 1909 unter dem Vermerk Baupflege Kreis Tondern. Im Landesarchiv Schleswig-Holstein liegen Druckblätter mit Fotos des Vereins von 1912. Als Neuausführungen nannte Voß 1910 unter anderem den Petershof bei Leck und eine Weinstube in Westerland.

Nach der Abtretung Nordschleswigs an Dänemark 1920 verlor der Kreis Tondern seinen nördlichen Teil, und damit endete auch der Rahmen der Vereinsarbeit. Im Bestand folgen noch einzelne Stücke: 1926 eine Scheunenzeichnung für den Reußenkoog und ein Entwurf für eine Arbeiterbaracke im Sönke-Nissen-Koog, 1927 ein Heft über das farbige Straßenbild, nach 1935 eine Sammlung bemerkenswerter Bauten und Typenentwürfe. Die Bauformen, an denen sich der Verein orientierte, beschreiben die Einträge zum Utlandfriesischen Haus und zu den Bauernhäusern.

Die heutige Interessengemeinschaft

Eine gleichnamige Nachfolge gibt es nicht, wohl aber eine Einrichtung mit demselben Anliegen. Nach einem Kongress der drei Frieslande auf Sylt entstand 1980 die Interessengemeinschaft Baupflege Nordfriesland, ein unabhängiger eingetragener Verein mit Büro und Archiv beim Nordfriisk Instituut in Bredstedt, für das er zugleich als fachliche Arbeitsgruppe wirkt. Ihre Satzung nennt drei Aufgaben: das Bewusstsein für landschaftstypische Gebäude wecken, bei Renovierung und Umnutzung helfen und auf regionale Bauformen beim modernen Bauen einwirken. 1984 erhielt sie den Deutschen Preis für Denkmalschutz. Später kam Dithmarschen in Arbeitsgebiet und Vereinsnamen hinzu.

Zu den Angaben

Das Dachverfahren erscheint im Findbuch des Kreisarchivs als Germentzdach, in der Besprechung des Vereinsdrucks dagegen als Gernentz-Dach. Wie viele Gebäude unmittelbar auf eine Beratung des Vereins zurückgehen, ist nicht überliefert. Die Angaben zum Kreishauswettbewerb von 1905, zu einer Wirkungsdauer von etwa zehn Jahren und zur Übernahme des Stils durch Behörden stammen aus einer dänischen Darstellung und haben nur diesen einen Beleg. Die Akten des Bestandes reichen bis nach 1935, beweisen damit aber nicht, dass der Verein von 1908 so lange bestand. Dieser Eintrag ist neu geschrieben und übernimmt keine Formulierungen aus der früheren Nordfriesland-Datenbank.

Quellen

  1. Kreisarchiv Nordfriesland: Findbuch des Bestandes Baupflege Kreis Tondern, Abteilung G 6, 2003
  2. IG Baupflege: Der Maueranker 03/1983, Das feuersichere Reet- und Strohdach
  3. IG Baupflege Nordfriesland und Dithmarschen: Der Verein
  4. Landesarchiv Schleswig-Holstein, Arcinsys: Abt. 399.29 Nr. 19, Druckblätter mit Fotos der Baupflege Kreis Tondern, 1912
  5. arkiv.dk: Aufnahme von Theodor Möller, um 1909, Baupflege Kreis Tondern
  6. dengang.dk: Baupflege Tondern und Lauritz Thaysen, en arkitekt fra Tønder (dänisch)

Weiterführende Literatur

  • Rolf Kuschert: Baupflege Kreis Tondern, in: Die Heimat 1977, Heft 9/10, S. 254 ff.
  • Hans-Günther Andresen: Baupflege und Heimatschutz in Nordfriesland (Schriften des Kreisarchivs Nordfriesland, Band 3)