Friesische Freiheit - Entstehung
Die Friesische Freiheit geht nicht auf eine einmalige Verleihung zurück, sondern auf eine lange Entwicklung. Feudale Abhängigkeiten fehlten in Friesland fast ganz, und einen Fürsten über sich wollten die Friesen nicht haben.
Nach den Teilungen des Frankenreichs kam Friesland im 10. Jahrhundert endgültig an das ostfränkische Reich, das spätere Heilige Römische Reich. Zweierlei blieb dabei bestehen. Erstens kannte Friesland die Hörigkeit nicht, die andernorts den Alltag der Bauern bestimmte, denn feudale Abhängigkeiten hatten sich hier kaum ausgebildet. Zweitens wollten die Friesen niemanden zwischen sich und dem Reich haben und beanspruchten, unmittelbar dem König und Kaiser zu unterstehen; dessen Ferne galt ihnen als Garantie der eigenen Freiheit. Eine Gemeinschaft von Gleichen oder gar eine Demokratie war das nicht, denn die bestimmende Schicht bildeten die großen Bauerngeschlechter.
Die Magnussage
Woher die Freiheit kam, erklärte die wohl im 13. Jahrhundert entstandene Magnussage. Die Friesen hätten Rom für Karl den Großen genommen, und zwar unter ihrem Anführer Magnus und gegen jede Erwartung. Gold und Gewänder lehnte Magnus zum Dank ab und erhielt vom Kaiser stattdessen ein Privileg aus sieben Artikeln, die Magnusküren, die den Friesen ihre Freiheit bestätigten, den geborenen wie den ungeborenen und so lange, wie Wind und Welt bestehen. Anfang des 14. Jahrhunderts wurde aus der Sage ein gefälschtes Schriftstück, nämlich ein Freiheitsprivileg, das Karl den Friesen ausgestellt haben sollte. Damit war die Freiheit auf die Symbolgestalt des mittelalterlichen Kaisertums zurückgeführt, was Historiker der Gegenwart mit einem übersteigerten Bedürfnis nach Geltung und Rechtfertigung erklären, hinter dem Unsicherheit stand.
Bestätigt haben spätere Kaiser die friesischen Freiheiten dann wirklich. Sigismund von Luxemburg tat es 1417 für die Ost- und die Westfriesen, Friedrich III. gemeinsam mit seinem Sohn Maximilian 1493 für die Westfriesen allein. Bedeutung hatten diese echten Urkunden weit weniger als das gefälschte Karlsprivileg. In Ostfriesland war die Freiheit damals längst vorbei, und im Westen hielt sie nur noch wenige Jahre. Schon zuvor hatten friesische Adlige, Häuptlinge genannt, die Herrschaft an sich gezogen und lagen miteinander in Fehde; solche Parteikämpfe nahmen der friesischen Freiheit die Aussicht, dauerhaft eine Alternative zum Fürstenstaat zu bilden, wie sie die Schweizer mit ihrer Eidgenossenschaft erreichten.
Upstalsboom
Sichtbar wurde die Freiheit des Mittelalters am Upstalsboom bei Aurich, einem Grabhügel aus dem Frühmittelalter. Dort, auf freiem Feld und nicht in einer Metropole, kamen ab etwa 1200 meist am Dienstag nach Pfingsten die Abgesandten eines Landfriedensbundes zusammen. Zu diesem Bund gehörten allerdings nie zur gleichen Zeit sämtliche friesischen Gebiete von der Zuidersee bis zur Unterweser. Seeländische Richter hießen die Abgesandten nach dem Mythos der Sieben Seelande, und gewählt wurden von ihnen Geschworene, die formal die Rechtsgemeinde aller Friesen anführten, tatsächlich aber keine Macht hatten und keine Regierung bildeten. Das gefälschte Karlsprivileg nennt sogar einen Potestat für ganz Friesland, ein Amt, das es in dieser Form nie gab.
Vom Anspruch zum Mythos
Zum Mythos wurde die friesische Freiheit früh, und sie trug ihrerseits zu einem Bild von den Friesen bei. Schon der Nürnberger Hartmann Schedel lobte 1493 in seiner Weltchronik in einem eigenen Kapitel den Mut der Friesen und ihre Bereitschaft, für die Freiheit zu sterben. Um 1850 wurde daraus ein Schlachtruf, Lewer duad üs Slaav, und Detlev von Liliencron verbreitete ihn mit seiner Ballade über den angeblichen Freiheitshelden Pidder Lyng weit über Nordfriesland hinaus. Auch politisch wurde die Berufung genutzt: Bei einer Demonstration für das allgemeine Wahlrecht 1890 im westfriesischen Heerenveen hieß es, die Friesen forderten damit ihr altes Recht ein, ein freies Volk zu sein.
In der Zeit des Nationalsozialismus beriefen sich auch die Machthaber und ihre Anhänger auf die friesische Freiheit. Eine Schrift mit dem Titel "Wir Friesen" zog 1934 eine gerade Linie von ihr zu der Zustimmung, die die Mehrheit der Friesen in Deutschland dem Regime entgegenbrachte. Der Stabreim von den freien Friesen behielt daneben seine Bedeutung für das Selbstverständnis: Friesische Bauern und friesische Seefahrer sahen sich als freie Friesen. Welche Rolle der Anspruch in Nordfriesland selbst spielte, steht bei der Friesischen Freiheit.
Zu den Angaben
Nordfriesland gehörte nicht zu dem Landfriedensbund, dessen Abgesandte sich am Upstalsboom trafen. Einen Wikipedia-Artikel unter diesem Titel gibt es nicht; die Angaben folgen der früheren Nordfriesland-Datenbank. Dieser Eintrag ist neu geschrieben und übernimmt keine Formulierungen aus der früheren Nordfriesland-Datenbank.
Quellen
Weiterführende Literatur
- Thomas Steensen: Die Friesen und die Frieslande. In: Die Frieslande, Bräist/Bredstedt 2006