Friedrich Paulsen

Friedrich Paulsen, geboren 1846 in Langenhorn, gestorben 1908 in Berlin-Steglitz, war Professor für Philosophie und Pädagogik.

Aufgewachsen auf dem Hof eines Kleinbauern in Langenhorn, besuchte er ab dem fünften Lebensjahr die Dorfschule. 1859 wechselte er in die Schule des Lehrers Sönke Brodersen, der ihn nach Kräften förderte und ihm den Weg auf das Christianeum in Altona öffnete. Nach dem Abitur von 1866 begann er in Erlangen mit Theologie, wandte sich nach drei Semestern in Berlin aber der Philosophie zu. Die Promotion von 1871 behandelte die Ethik des Aristoteles, die Habilitation von 1875 die Erkenntnistheorie Immanuel Kants.

Lehrstuhl und Schüler

1877 erhielt er als erster in Deutschland einen Lehrauftrag für Pädagogik, der im Jahr darauf zu einem Extraordinariat für Philosophie und Pädagogik erweitert wurde. Rufe nach Breslau, Würzburg, München, Kiel und Leipzig lehnte er ab, ebenso 1905 Einladungen nach Harvard, Yale und Cornell. Zu seinen Hörern gehörten Edmund Husserl, Albert Schweitzer, George Herbert Mead, Alfred Wegener und Ferdinand Tönnies, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Als einflussreichster Fachvertreter seiner Zeit erreichte er ein Publikum weit über die Universität hinaus.

Die Einleitung in die Philosophie erschien in mehr als vierzig Auflagen und wurde zum Hausbuch des gebildeten Bürgertums. Fachkollegen kritisierten gerade diese Allgemeinverständlichkeit. Die Pädagogik prägte er stärker durch historische Arbeiten, besonders durch die zweibändige Geschichte des gelehrten Unterrichts von 1885, die als Klassiker gilt. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt und fanden vor allem in den Vereinigten Staaten Verbreitung, während sie in Deutschland in Vergessenheit gerieten.

Reform des Gymnasiums

Er setzte sich erfolgreich dafür ein, dass neue Sprachen und Naturwissenschaften im Gymnasium den alten Sprachen gleichgestellt wurden, und gilt darum als geistiger Vater der modernen Schulform. Im Abitur ersetzte auf sein Betreiben der deutsche Aufsatz den lateinischen. Als Grundsatz des Unterrichts forderte er, die unmittelbare Lebensumwelt einzubeziehen, nach der Formel vom Nahen zum Fernen.

Die Herkunft blieb ihm wichtig. Gemeinsam mit Tönnies verstand er sich als Vertreter einer Philosophia Frisionum, einer Philosophie der Friesen, worunter beide einen klaren Sinn für das Wirkliche und eine Hochschätzung von Arbeit und Erfahrung fassten. Seine Lebenserinnerungen blieben lange nur als Jugendkapitel gedruckt, der Teil über das wissenschaftliche Wirken zunächst nur in einer englischen Übersetzung von 1938. Erst 2008 erschien der vollständige Text, nachdem Thomas Steensen das Manuskript in Paulsens Berliner Haus gefunden hatte. Schulen in Niebüll und Langenhorn tragen seinen Namen, in Langenhorn erinnern seit 2012 ein Platz an der Kirche und ein Denkmal an ihn.

Zu den Angaben

Die Lebensdaten folgen der Wikipedia und der früheren Nordfriesland-Datenbank. Den Geburtsort nennt Paulsen in seinen 1909 gedruckten Lebenserinnerungen selbst, und zwar Langenhorn. Ost-Langenhorn steht im Findbuch des Nordfriisk Instituut zu seinem Teilnachlass und bezeichnet den Ortsteil, in dem der elterliche Hof lag; im selben Findbuch sind Bücher des Vaters mit O-Langenhorn signiert. Beide Angaben sind damit richtig, Langenhorn ist die allgemeinere. Die Berliner Professur zerfällt in drei Schritte, die die Neue Deutsche Biographie trennt: 1877 Lehrauftrag für Pädagogik, 1878 Extraordinariat, 1894 Ordinariat. Eine zeitnahe englische Darstellung von 1908 datiert das Ordinariat abweichend auf 1893. Die im Archiveintrag für 2008 angekündigte vollständige Ausgabe der Lebenserinnerungen ist in jenem Jahr erschienen. Diese Seite ist neu geschrieben und übernimmt keine Formulierungen aus der alten Datenbank.

Quellen

  1. Nordfriisk Instituut: Nordfriesland-Datenbank, Eintrag Paulsen, Friedrich (Archivfassung 2018)
  2. Wikipedia: Friedrich Paulsen
  3. Friedrich Paulsen: Aus meinem Leben, Erstdruck 1909, Abschnitt Vorfahren und Eltern (Volltext bei zeno.org)
  4. Nordfriisk Instituut: Findbuch des Teilnachlasses Friedrich Paulsen, 2017 (PDF)
  5. Deutsche Biographie: Paulsen, Friedrich

Weiterführende Literatur

  • Friedrich Paulsen: Aus meinem Leben, Jena 1909; Herausgabe der gesamten Lebenserinnerungen für 2008 geplant.