Nationale Friesen
Nationale Friesen nannte sich die Richtung der friesischen Bewegung, die die Nordfriesen als eigenes Volk und damit als nationale Minderheit in Deutschland verstand.
Der Zusatz national meinte hier friesisch-national, nicht dänisch-national. Gegenüber stand der Nordfriesische Verein für Heimatkunde und Heimatliebe, der die Friesen in der Zwischenkriegszeit als deutschen Stamm mit regionaler Eigenart beschrieb. Die Nationalen Friesen forderten dagegen, Friesisch als eigenständige Größe neben Deutsch und Dänisch anzuerkennen und die Nordfriesen als nationale Minderheit zu behandeln. Aus diesem Gegensatz lebte die friesische Bewegung über Jahrzehnte.
Die Abstimmung von 1920
Im nördlichen Teil Nordfrieslands wurde 1920 darüber abgestimmt, ob das Gebiet bei Deutschland bleiben oder wieder zu Dänemark kommen sollte. Eine große Mehrheit entschied sich für Deutschland, weil seit Jahrhunderten deutsche Kirchen- und Schulsprache herrschte. Einzelne Nordfriesen setzten sich dennoch für den Anschluss ein, ohne sich als nationale Dänen zu verstehen; die dänische Sprache hatte im friesischen Gebiet kaum eine Rolle gespielt. Thomas Steensen nennt den Abstimmungskampf deshalb die Geburtsstunde der Nationalen Friesen.
Programmatisch wichtig wurde eine Schrift, die ein halbes Jahr nach der Abstimmung erschien: Die friesische Bewegung des aus Eiderstedt stammenden Bauern Cornelius Petersen. Petersen deutete die friesische Geschichte neu und verlangte, Friesen und Friesisch müssten in Friesland an erster Stelle stehen. Zugleich sah er das Volkstum als unveränderlichen Wert, bestimmt durch die Bande des Blutes. Steensen erkennt darin Elemente einer Blut- und Boden-Ideologie.
Die Gründung von 1923
Am 25. Mai 1923 kamen in Nord-Lindholm, heute Teil von Risum-Lindholm, zehn bis fünfzehn Menschen zusammen und gründeten den Friesisch-schleswigschen Verein. In die Satzung schrieben sie als Zweck die Wiederbelebung friesischer Volkskultur unter Ausdehnung der kulturellen Beziehungen zum Norden. Als geistige Väter dieser Position nennt Steensen Christian Feddersen und Moritz Momme Nissen vom Festland, Simon Reinhard Bohn von Föhr und Nann Mungard von Sylt. Bereits 1924 trat der Verein dem Verband der nationalen Minderheiten in Deutschland bei, von 1925 bis 1938 gehörte er dem Europäischen Nationalitätenkongress an.
Der Streit um die Minderheit
Ob die Nordfriesen eine nationale Minderheit seien, wurde ab 1925 auf dem Europäischen Nationalitätenkongress verhandelt. Der Nordfriesische Verein beschloss darauf am 12. September 1926 die Bohmstedter Richtlinien, die die Nordfriesen für deutschgesinnt erklärten und eine Behandlung als nationale Minderheit ablehnten. Über 13.000 Nordfriesen unterschrieben in einer Umfrage, deutsch zu sein. Die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte nennt als Grund die Sorge, eine weitere nationale Minderheit im Grenzland könne die angestrebte Grenzrevision gefährden. Danach begann ein jahrzehntelanger Streit, für den die Schlagworte Teutofriesen und Danofriesen aufkamen.
Wahlen und NS-Zeit
Von 1925 an trat die Richtung mit einer eigenen Liste Friesland zu Wahlen an, zeitweise gemeinsam mit der dänischen Minderheit. Johannes Oldsen, der Vorsitzende des Vereins, wurde 1925 in den Kreistag von Südtondern gewählt und gehörte ihm bis 1933 an. Bei Reichstagswahlen schloss sich die Liste einem Verbund der nationalen Minderheiten an, ein Mandat kam dabei nie zustande. Um die eigene Grundposition hervorzuheben, führte der Verein ab etwa 1934 den Namen Vereinigung der Nationalen Friesen.
Nach dem Bericht des Südschleswigschen Wählerverbandes war Oldsen 1933 der einzige Kreistagsabgeordnete, der sich der Gleichschaltung und der Entmachtung des Kreistags widersetzte. Steensen berichtet, Oldsen habe danach nicht mehr publizieren dürfen und unter Beobachtung der Gestapo gestanden. Die Mitgliedschaft im Europäischen Nationalitätenkongress endete 1938.
Nach 1945
Mit dem Kriegsende richteten sich die Erwartungen nach Norden. Oldsen und weitere führende Vertreter hielten die Zukunft Nordfrieslands in einer Verbindung mit Dänemark für besser gesichert und unterstützten zur Vorbereitung dänische Schulen in der Region; zwölf entstanden in kurzer Zeit. Die Hoffnung, daraus würden friesische Heimatschulen, erfüllte sich nach Steensens Bewertung nicht, Friesisch blieb dort meist randständig. Die eigene Wahlliste gaben die Nationalen Friesen auf und wirkten 1948 am Aufbau des Südschleswigschen Wählerverbandes mit; sein erster Landesvorstand bestand zur Hälfte aus Friesen, neben Oldsen aus Carsten Boysen und Berthold Bahnsen. Im selben Jahr nahm der Verein einen friesischen Namen an, den er 1975 und 2003 noch zweimal änderte.
Zu den Angaben
Die kurze Bezeichnung "dänisch orientiert" trifft nicht zu. Belegt sind die Zusammenarbeit mit der dänischen Minderheit und eine zeitweilige Anschlussorientierung; das Programm lautete friesische Eigenständigkeit neben Deutsch und Dänisch. Die Darstellung folgt vor allem einem Vortrag von Thomas Steensen aus dem Jahr 2013. Seine zweibändige Untersuchung von 1986 war nur über das Inhaltsverzeichnis zu prüfen, nicht im Volltext. Dieser Eintrag ist neu geschrieben und übernimmt keine Formulierungen aus der früheren Nordfriesland-Datenbank.