Mehrsprachigkeit
Mehrsprachigkeit bezeichnet die Fähigkeit, mehrere Sprachen zu gebrauchen, und den nebeneinander bestehenden Gebrauch mehrerer Sprachen in einer Gesellschaft.
Die Sprachwissenschaft trennt zwei Ebenen. Auf der einen steht die einzelne Person, die sich in mehreren Sprachen verständigen und im Gespräch zwischen ihnen wechseln kann; dieser Wechsel heißt Code-Switching. Auf der anderen steht die Gesellschaft, in der mehrere Sprachen nebeneinander in Gebrauch sind. Beides hängt oft zusammen, deckt sich aber nicht: In Staaten mit mehreren Amtssprachen sind nicht alle Einwohner mehrsprachig, und umgekehrt kann eine Minderheit mehrsprachig leben, ohne dass ihre Sprache amtlich gilt.
Formen des Nebeneinanders
Eine feste Verteilung nennt die Forschung Diglossie: Zu Hause gilt die eine Sprache, in Schule und Behörde die andere. Charles Ferguson unterschied dafür eine Hoch- und eine Alltagsvarietät, Joshua Fishman erweiterte den Begriff auf zwei verschiedene Sprachen. Institutionelle Mehrsprachigkeit liegt vor, wenn Verwaltung, Gericht, Gesundheitswesen oder Schule mehrere Sprachen verwenden. Wo eine Mehrheitssprache klar überwiegt, bleiben davon oft nur Dolmetsch- und Übersetzungsdienste sowie einzelne Unterrichtsformen wie der Fachunterricht in einer zweiten Sprache, der auf einen kanadischen Schulversuch der 1970er Jahre zurückgeht.
Sprachminderheiten, die schon lange in ihrer Gegend leben, gelten als autochthon, dazu gehören etwa die Bretonen in Frankreich, die Katalanen in Spanien und die deutschsprachige Minderheit in Dänemark. Davon unterscheidet man Minderheiten, die durch Einwanderung entstanden sind und über das Staatsgebiet verteilt leben. Seit den 2000er Jahren untersucht die Forschung auch, wie sich mehrere Sprachen im öffentlichen Raum zeigen, auf Schildern, Aufschriften und Plakaten; dafür hat sich der Begriff Sprachlandschaft eingebürgert.
Der nordfriesische Fall
Nordfriesland gilt als Gegend mit besonders vielen beheimateten Sprachen, weil hier friesische, dänische und deutsche Einflüsse aufeinandertrafen. Das Friesische wird auf den Inseln in eigenen Mundarten gesprochen, daneben stehen Niederdeutsch, Hochdeutsch und Dänisch. In der friesischen Bewegung war die Sprachenfrage von Anfang an politisch: Die Bohmstedter Richtlinien von 1926 forderten Pflege und Förderung des Friesischen in Schule und Kirche, lehnten aber die Anerkennung als nationale Minderheit ab, während die nationalen Friesen genau diese Anerkennung verlangten.
Der Unterricht setzte eine schriftliche Norm voraus. Das 1909 erschienene Söl'ring Leesbok verfeinerte die Rechtschreibung des Sylter Friesischen und bot damit die Grundlage für den ersten regulären friesischen Unterricht an den Schulen der Insel. Für das Niederdeutsche entstand ein vergleichbarer Einsatz erst nach 1945, unter anderem mit der plattdeutschen Übersetzung des Neuen Testaments.
Zu den Angaben
Der verlinkte Wikipedia-Artikel beschreibt Mehrsprachigkeit allgemein und nicht die Lage in Nordfriesland. Die regionalen Angaben in diesem Eintrag stammen aus den Quellen zu Nordfriesland, zum Nordfriesischen Verein und zu Boy Peter Möller. Dieser Eintrag ist neu geschrieben und übernimmt keine Formulierungen aus der früheren Nordfriesland-Datenbank.