Rungholt
Rungholt war eine Siedlung und ein Kirchspiel in der Landschaft Strand, das in der Sturmflut von 1362 unterging. Seine Reste liegen im Wattenmeer bei der Hallig Südfall.
Bekannt geblieben ist der Ort vor allem durch Detlev von Liliencrons Ballade Trutz, blanke Hans, die Generationen von Schulkindern auswendig lernten. Ihre zweite Zeile spricht von einer Stadt, und das trifft nicht zu: die Rungholter lebten auf verstreuten Warften, wie es in der Marsch üblich war. Auch der Untergang vollzog sich nicht in einer einzigen Nacht. Die Sturmflut von 1362 riss den größten Teil des Gebietes weg, doch Halligen mit Namen Grote Rungholt und Lütke Rungholt bestanden noch bis ins 15. Jahrhundert.
Urkunden und Funde
Die beiden Siedlungen bildeten gemeinsam den Hauptort der Edomsharde, eines von fünf Verwaltungsbezirken der Landschaft Strand. Schriftliche Berichte aus der Zeit vor der Flut fehlen, einzelne Urkunden gibt es dennoch. Ein Testament von 1345 ist an einen Thedo Bonisson in Rungheholte in der Edomsharde gerichtet, eine Handelsvereinbarung mit Hamburger Kaufleuten datiert vom 1. Mai 1361. Als die schleswigsche Kirchenverwaltung 1437 die im 14. Jahrhundert durch Flutschaden verlorenen Kirchen auflistete, stand Rungholt darunter.
Lange galt der Ort als Sagengebilde. Erst der Nordstrander Bauer Andreas Busch fand im Sommer 1921 im Watt bei Südfall umfangreiche Siedlungsspuren und ordnete sie Rungholt zu. Zwischen 1921 und 1938 legten die Gezeiten Warften, Brunnen, Zisternen und einen Deichfuß frei; die Funde wurden erfasst, bevor das Meer sie zerstörte. Busch kartierte 28 Warften und rund 100 Brunnen aus Grassoden und konnte aus der Breite der Bodenvertiefungen auf etwa zwei Meter Deichhöhe schließen. Reste zweier hölzerner Schleusen erlaubten eine Datierung der ersten Eindeichung auf die Zeit um 1200.
Die Kirche von 2023
Im Mai 2023 wies ein Forscherteam aus Geophysikern, Geographen und Archäologen unweit von Südfall die Fundamente einer Kirche nach. Der Ziegelbau maß 40 mal 15 Meter, hatte einen breiten Turm und eine runde Apsis und war damit deutlich größer als die Dorfkirchen der Zeit. Er gehörte zu einer zwei Kilometer langen Warftkette, die bis dahin unbekannt war. In einem Gebiet von zehn Quadratkilometern fanden die Beteiligten mindestens 54 frühere Warften, einen Seedeich mit Sielhafen, Entwässerungssysteme, zwei kleinere Kirchen und südlich davon einen Hafen.
Für den Wohlstand des Bezirks spricht die Keramik. Etwa 30 Prozent der Fundstücke sind Importware, vor allem Steinzeug aus rheinischen Töpferorten, dazu eine maurische Kanne aus Spanien und Rote Irdenware aus Skandinavien. Ein so hoher Anteil ist von keinem anderen Fundplatz im Wattenmeer bekannt und passt zur hohen Besteuerung der Edomsharde im Waldemar-Erdbuch. Der Name selbst wird als Niederholz gedeutet, gestützt durch alte Karten, die bei Rungholt ein kleines Waldstück in hügeligem Gelände zeigen.
Die bekannte Sage ist jünger als das Ereignis. Sie entstand erst im 16. Jahrhundert und war wohl als Lehrstück für die Gläubigen gedacht: Gottlose Rungholter verlangen von einem Pastor, einer betrunken gemachten Sau das Abendmahl zu reichen, woraufhin er die Rache des Himmels herabruft und nur er selbst mit drei Jungfrauen entkommt. In direkter Nachbarschaft lag Niedam, das ebenfalls im 14. Jahrhundert unterging. Teile der Umgebung wurden später erneut eingedeicht, etwa der 1624 gewonnene Hensebek-Koog.
Zu den Angaben
Die oft zitierte Einwohnerzahl von 1.500 bis 2.000 ist eine Schätzung Andreas Buschs aus Zahl und Verteilung der gefundenen Brunnen, keine überlieferte Angabe. Die Datierung der Schleusen wurde 1994 öffentlich angezweifelt, eine Radiokohlenstoffmessung hat sie bestätigt. Für diese Seite gibt es keinen einzelnen Kartenpunkt, weil sie ein größeres Gebiet beschreibt.