Erich Johannsen
Erich Johannsen arbeitete als Zimmermann in Keitum auf Sylt und schrieb nebenher Theaterstücke in Sölring, der friesischen Sprache der Insel. Die Frisistik führt ihn als Wegbereiter eines nordfriesischen Bühnenspiels in der eigenen Mundart.
Theodor Siebs beschrieb ihn als Kind sehr armer Eltern, das die Keitumer Dorfschule besuchte und mit fünfzehn Jahren in die Lehre ging. Nach Siebs hätte er gern Schauspieler werden wollen und ließ sich nur davon abbringen, weil man ihm ernstlich zuredete. Die Lehrzeit führte ihn nach Tondern, wo er nach Walther Steller für das Amateurtheater Kulissen stellte und Bühnenbilder einrichtete. Es folgte der Militärdienst in Flensburg, danach ging er zurück auf die Insel und lebte dort von seinem Handwerk.
Geschrieben hat er in der freien Zeit. Steller berichtet von der Heirat mit Dora Hansen und davon, dass Johannsen nach der Geburt der beiden Söhne das letzte Häuschen am Westrand des Dorfes kaufte; seine Stücke entstanden in der kleinen Kammer unter dem Dach. Sein erstes Stück verfasste er noch auf Hochdeutsch.
Die Stücke
Lange lief das Werk ungedruckt um. Junge Leute aus dem Dorf spielten die Stücke im Winter, und das Publikum kam nach Siebs von der ganzen Insel zusammen. Gedruckt waren sie nicht, bekannt aber sehr wohl, und Johannsens Lieder wurden überall gesungen.
Den Wechsel brachte Siebs. Der Germanist gab 1898 in Greifswald die "Sylter Lustspiele" heraus, mit Übersetzung, Erläuterungen, einem Abriss der Sylter Sprache und einem kurzen Wörterbuch. Der Band enthält zwei Stücke Johannsens: "Di Frier fan Moasum" als Lustspiel in einem Aufzug und "Sölring Halfjungkendrēnger" als Liederspiel in Versen. Im selben Jahr sorgte Siebs für eine Aufführung der beiden Stücke im Sylter Kurhaus, wie Rudolf Muuß 1927 festhielt.
Steller zählte den Freier von Morsum als das erste friesische Stück, entstanden im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Es spielt zu Beginn des 19. Jahrhunderts und schreibt die Kostüme genau vor, weshalb Steller den Text als Quelle für Tracht und Dorfleben schätzte. Siebzehn Auftritte reihen sich in einem Aufzug, unterbrochen von gereimten Liedern.
Das Sölring Soong
Aus dem Freier von Morsum wurde ein Lied bekannter als das Stück. Steuermann Georg singt es, und sein Kehrreim greift den friesischen Wahlspruch Lewer duad üs Slaav auf, bei Steller in der Schreibung Levir dua üs Slaaw. Carl Simon in Berlin brachte das Lied 1898 einzeln als Notendruck für Singstimme und Klavier heraus, mit dem friesischen Text Johannsens, der deutschen Fassung von Siebs und einer Vertonung von Wilhelm Berger.
Am 3. August 1926 nahm Wilhelm Doegen in Westerland für das Berliner Lautarchiv auf. Johannsen sang das Lied selbst auf eine Platte von knapp zwei Minuten. Eine zweite Platte hält eine Szene aus "Krööger Holm" mit drei Sprechern fest.
Sprachpflege und Nachlass
Dass das Sölring zurückging, sah Johannsen deutlich. Gemeinsam mit seinem Freund Nann Peter Mungard suchte er nach alten, echt überlieferten Wörtern und Formen und setzte sie in seinen Texten wieder in Gebrauch. Steller bewertete den Wortschatz der Stücke deshalb als eine der reichsten Fundstellen für das neuere Sylter Friesisch und für die Arbeit am Nordfriesischen Wörterbuch.
Der größte Teil des Werks blieb liegen. Der Kalliope-Verbund weist den Nachlass bei der Söl'ring Foriining nach, die auch das Sylt Museum in Keitum führt: zwei Kästen mit zwanzig Mappen, darin Manuskripte von 19 Stücken in Sölring, dazu Rollenbücher und Gedichte. Erst 2018 erschienen in Kiel zwei Stücke vollständig im Druck, "En Wüf üt üüs Fulk" und "Krööger Holm". In der Gemeinde Sylt erinnert ein Straßenname an ihn, den die amtliche Denkmalliste des Kreises als Erich-Johannsen-Wai führt.
Drei Johannsen, drei Lebenswege
Der Name führt leicht in die Irre, denn die friesische Bewegung kannte zwei weitere Schriftsteller Johannsen. Nis Albrecht Johannsen unterrichtete auf dem Festland und schrieb im Bökingharder Friesisch. Dessen Sohn Albrecht Johannsen wurde Schulrat, arbeitete am Nordfriesischen Wörterbuch und gehörte zu den Gründern des Nordfriisk Instituut. Muuß führte die drei schon 1927 getrennt auf, und die Gemeinsame Normdatei hält sie ebenfalls auseinander: Vereinsämter, Schulpolitik und die Institutsgründung gehören nicht auf diese Seite.
Zu den Angaben
Die Lebensdaten folgen der früheren Nordfriesland-Datenbank. Zum Sterbetag nennen die Quellen zwei Daten: das Nordfrieslandlexikon des Nordfriisk Instituut den 25. August 1938, Walther Steller in seinem Nachruf von 1953 den 26. August 1938. Die Gemeinsame Normdatei kennt nur das Jahr. Auch der Werkumfang schwankt, von mehr als zwanzig Stücken bei Steller bis zu etwa dreißig im Nordfrieslandlexikon; im Nachlass selbst liegen 19 Stückmanuskripte. Als Handwerk nennen die zeitgenössischen Quellen das Zimmerhandwerk, das Nordfrieslandlexikon das Tischlerhandwerk. Diese Seite ist neu geschrieben und übernimmt keine Formulierungen aus der alten Datenbank.
Quellen
- Deutsche Nationalbibliothek: Normdatensatz GND 1167441621, vollständiger Name Erich Meinert Johannsen
- Kalliope-Verbund: Nachlaß Erich Johannsen, Bestand DE-611-BF-11640
- Theodor Siebs (Hrsg.): Sylter Lustspiele, Greifswald 1898, Vorwort an die Sylter, S. 4 und 5 (Digitalisat)
- Walther Steller: Erich Johannsen, de skriuwer fan de Frier fan Marssum, in: It Beaken 15 (1953), S. 39 bis 43
- Nordfriisk Instituut: Nordfrieslandlexikon, Eintrag Johannsen, Erich
- Rudolf Muuß: Die Nordfriesen, in: Mitteilungen der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde 28 (1927), S. 96
- Humboldt-Universität zu Berlin, Lautarchiv: Sölring Soong, Inventarnummer LA 741/1
- Humboldt-Universität zu Berlin, Lautarchiv: Szene aus Krööger Holm, Inventarnummer LA 740
- HathiTrust: Sölring Soong, Sylter Lied für eine Singstimme mit Klavierbegleitung, Berlin 1898
- Deutsche Nationalbibliothek: En Wüf üt üüs Fulk, Krööger Holm, hrsg. von Ingo Laabs, Kiel 2018 (Estrikken 109)
- Landesamt für Denkmalpflege: Denkmalliste Kreis Nordfriesland, Gemeinde Sylt, Adresse Erich-Johannsen-Wai 8
Weiterführende Literatur
- Walther Steller, in: It Beaken 15 (1953), S. 39 bis 43
- Erich Johannsen: En Wüf üt üüs Fulk. Krööger Holm, herausgegeben von Ingo Laabs, Kiel 2018 (Estrikken 109)
- Franziska Böhmer: Die friesischsprachigen Dramen von Erich Johannsen, Kiel 2018